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Die faszinierende Welt der Fotografie

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Essay: Über Gartenzwerge, Fotografie und Fotokunst

“Gartenzwerge sind auch Kunst!” Den Satz pflegte mein Professor an der Uni in seinem Einführungsseminar zu predigen. “Gartenzwerge sind auch Kunst! Keine gute. Aber Kunst.” So der vollständige Wortlaut. Für meinen Professor war alles, was Menschen handwerklich anfertigen, Kunst. Wichtig für ihn war weniger, ob es sich überhaupt um Kunst handelt, sondern ob es sich um gute Kunst handelt. Die Gartenzwerge waren wahrscheinlich am untersten Ende der Skala anzusiedeln.

Die Diskussion um das Wesen der Kunst und was Kunst überhaupt ist, ist übrigens eine endlose. Eine Antwort muss jeder wohl oder übel für sich selber finden, denn dazu gibt es ebenso viele Meinungen wie Köpfe. Unsere Frage heute betrifft aber eigentlich weniger die Gartenzwerge, sondern die Fotografie: Ist Fotografie Fotografie Kunst? Die Frage taucht doch unweigerlich auf, wenn ein Fotograf über Kunst nachdenkt. Es folgt nun keine hochwissenschaftliche, fundierte Betrachtung und Reflexion, sondern lediglich ein paar Gedankengänge zu der Frage.

“Gewerbekunst ist das, was mit dem Ziel erschaffen wird, vielen zu gefallen und zu verkaufen.
Kunst ist das, was der Künstler aus seinem Inneren heraus schafft, weil es ihm ein Bedürfnis ist sich auszudrücken, auch auf die Gefahr hin, dass es der Masse nicht gefällt.”

Ist Fotografie Kunst?

Auch hier gibt es ebenso viele Meinungen wie Köpfe: Die einen verteidigen verbissen die Frontlinie der Kunst gegen die Fotografie, da diese doch in erster Linie ein technisches Medium sei: Die Kamera mache in erster Linie das Foto, daher könne das Ergebnis unmöglich Kunst sein. Die anderen schreien, dass Fotografie sehr wohl Kunst sei, weil man als Fotograf sehr wohl schöpferisch arbeiten könne. Die anderen reden davon, dass der Fotograf nicht mehr darstellen kann als nur die bloße Realität, und die sei ja wohl keine Kunst, während die Foto-als-Kunst-Befürworter hämisch mit “Bildbearbeitung” und “Realität sei doch nur der Ausgangspunkt, quasi das Rohmaterial” kontern. Fehlt eigentlich nur noch das “Ist sie wohl! Ätsch” und “Ist sie gar nicht. Ätschibätsch!” Es ist, meiner bescheidenen Meinung nach, vollkommmen egal, auf welchem Niveau die Diskussion geführt wird – Kindergarten oder hochgeistig – das Ergebnis bleibt das gleiche: Es gibt keines. Beide Parteien stehen sich unversöhnlich gegenüber, hören sich die Argumente der anderen Partei an, nicken verständnisvoll und beharren auf ihrer eigenen Meinung.

Es gibt hier keine objektive Diskussion. Nur Meinungen. Und meine Meinung ist, dass Fotografie sehr wohl Kunst ist. Nicht nur sein kann, sondern ist. Traditionalisten mögen nun empört dagegen halten, dass es ja wohl nicht sein kann, dass Fotografie “einfach so” zur Kunst erklärt werden kann: Wo kämen wir denn da hin? Da könnte ja jeder kommen und… sagen wir: Comics zur Kunst erklären! Cezanne, Matisse, van Gogh und all diese – das ist Kunst! Die konnten noch was. Kunst kommt schließlich von Können; Kunst hat Gehalt, Inhalt, Aussage – da könne sich doch nicht jeder beliebige Bilderknipser, der ein bißchen in der Lage ist, Bilder zu bearbeiten, als “Künstler” bezeichnen! Und überhaupt; wenn man schon so vermessen ist, Fotografie zur Kunst zu erklären, müsse man ja gefälligst genau unterscheiden, ob es sich hier auch wirklich um Kunst, d.h. Fine-Art-Fotografie handelt, oder nicht doch um Gebrauchsfotografie. Die selbstverständlich keinen Kunstwert hat, das brauchen wir nicht zu erwähnen.

Kunst ist in heutigem Verständnis ein kreativer Prozess. Der “Künstler” ist kein geschützter Begriff und das Wort “Kunst” wird heutzutage eigentlich inflationär auf alle möglichen Bereiche angewendet: Kochkünstler, Haarkünstler, Papierkünstler, Fotokünstler, Zahlenkünstler… “Künstler” zu sein bedeutet im heutigen Sprachgebrauch eigentlich nicht viel mehr als dass man sein Handwerk besonders gut beherrscht – Kunst kommt immerhin von “Können”. Und wer will das Können messen?

Wenn wir die Geschichte zu Rate ziehen, müssen wir  einsehen, dass die Kunst, oder genauer der Begriff von Kunst einen enormen Wandel hinter sich hat und heutzutage eindeutig nicht eindeutig festgelegt ist. So waren in der Antike Bildhauer und Maler keine Künstler, sondern Sklaven. Im Italien des späten Mittelalters kämpften Malerei und Skulptur daher immer noch verbissen darum, als “Kunst “, oder besser als “freie Kunst” anerkannt zu werden. In Frankreich engagierten die Maler des Barock und Klassizismus sich dafür, von den Zünften freizukommen, damit Kunst als Wissenschaft und nicht als bloßes Handwerk anerkannt wurde. Auf der anderen Seite war bis Ende des 18. Jahrhunderts der Begriff “Kunst” in Deutschland ein Synonym für “Handwerk” bis es ausgerechnet Kant einfiel, sich in die Diskussion einzumischen und die Begriffe ein für allemal zu trennen. Im 19. Jahrhundert bildete sich unser Kunstbegriff heraus, in dem wir die “Schönen Künste” durch Kreativität, Schöpferischem Tun und Ästhetik definieren. Inzwischen sehen wir, dass sich der Kunstbegriff in Wahrheit nie gänzlich vom Handwerk freimachen konnte und heute hauptsächlich dadurch wieder entwertet wird, indem wir ihn inflationär verwenden. Stichwort: Haar- und Bilanzierungskünstler. Kunst ist an sich ein lebendiger Begriff, der in der Tat so quicklebendig ist, dass wir nicht in der Lage sind, ihn zu Fassen zu kriegen. Was ist Kunst? Wir sind nicht in der Lage, den Begriff einzugrenzen und haben allein schon daher keinerlei Berechtigung  und noch weniger Grund, die Fotografie auszugrenzen.

Ist Fotografie Gartenzwergkunst?

Fotografie ist also, in logischer Konsequenz, Kunst. An dieser Stelle könnten wir weiter darüber debattieren, auf welcher Stufe Kunst steht. Sicherlich steht sie vielleicht über den Gartenzwergen, doch auf alle Fälle unter der Malerei? Und wie ist die Bildhauerei zu werten? Was ist mit Cross-Media? Was ist, wenn wir in der Malerei Fotografien verwenden oder Fotografien zur Malerei machen oder… Nein, wir sehen: auch das ist eine äußerst fruchtlose Diskussion, denn Kunst hat heute keine eindeutigen Grenzen mehr. Auch hier ist sie quicklebendig und changiert zwischen sämtlichen Medien, vermischt sich, kreuzt sich, vermählt sich und wird so zum Bastardkind der Kreativität.

Vielleicht gibt es immer noch Vertreter der alten Schule, die nun übellaunig einwenden, dass doch zumindest innerhalb der Fotografie eine gewisse Rangfolge herrschen sollte! Man kann doch, bitteschön, die Gebrauchsfotografie der Werbung und Kalenderknipser nicht mit Fine-Art-Fotografie gleichsetzen!

Aber auch hier können wir fragen, ob wir die Grenzen wirklich so scharf abstecken können? Denken wir doch an Man Ray, der heute als einer der wichtigsten Fotografen gehandelt wird uns sich keineswegs zu schade dafür war, für die Vogue Modeaufnahmen zu fotografieren. Ganz zu schweigen von Helmut Newton, Irving Penn oder aus Annie Leibovitz, um mal ein paar der prominentesten Beispiele zu nennen – die Grenze zwischen Gebrauchs- und Kunstfotografie ist hier nicht mehr zu ziehen. Wie auch? Wenn wir die Kreativität als Gradmesser für künstlerischen Ausdruck nehmen – können wir tatsächlich behaupten, dass die Fotos von diesen Leuten, die für Magazine erstellt wurden weniger wert seien als die freien Arbeiten? Das Können als Gradmesser? Nein, das wäre albern, denn sie können nicht weniger, nur weil sie Auftragsarbeiten ausführen. Freiheit? Ja, das wäre ein Kriterium – die Möglichkeit, ohne Begrenzungen von Auftraggebern frei arbeiten zu können könnten wir abgrenzen von den Gebrauchsfotografen, die ihre Fähigkeiten für den Kommerz “prostituieren”. Doch seien wir ehrlich: sind freie Künstler wirklich so frei? Arbeiten sie nicht auch für Käufer, d.h. für einen Markt, auf den sie, bewußt oder unbewußt, reagieren? Die Grenzen sind nicht auslotbar, denn wer will schon wissen, ob der Markt auf den Fotokünstler oder der Fotokünstler auf seinen Markt reagiert? Es ist eine symbiotische Beziehung. Das Vorhandensein eines Auftraggebers macht einen Künstler weniger frei, doch das Vorhandensein eines Marktes hat den gleichen Effekt, wenn auch nicht die gleiche Offensichtlichkeit.

Ebenfalls berücksichtigen können wir die vielfältige Sicht auf die Kunst, denn jeder hat ein anderes Verständnis von Kunst. Der Experte könnte in Verzückung geraten angesichts Herbert Newtons Akten, während der Laie es für “obszönes Zeug” hält. Umgekehrt könnte man Annie Leibovitz Bilder als Ausdruck großer Kunst werten, während andere darüber die Nase rümpfen über derlei Kitsch. Ja, für einen, der keine große Erfahrung im Bilderbetrachten hat, könnten auch die 08/15-Akte, eingeölt, in lasziv-verkrampfter Pose mit dem obligatorischen Wassertropfen auf den Nippeln, Kunst sein. Oder das zufällig scharfgestellte Blumenmakro. Etwas, das der Kenner abfällig belächelt – so lange nicht zufällig z.B. “von Alvensleben” darunter steht. Natürlich: Das meiste, was heutzutage fotografiert wird und als Kunst bezeichnet wird, ist Gartenzwergkunst, sicher. Aber Kunst.

Nicht nur Schönheit, sondern auch Kunst liegt im Auge des Betrachters.
Nicht, dass wir uns falsch verstehen: die Diskussion über Kunst und Kunst ist zwar ergebnislos, doch nicht sinnlos. Es ist wichtig, dass man sich ab und  zu fragt, was Kunst eigentlich ist und für sich selber zu einem Ergebnis kommt. Wer kreativ arbeitet, stößt früher oder später auf die Frage, ob er Kunst macht oder nicht. Daher macht es Sinn, sich mit dieser Frage auseinanderzusetzen, sich zu überlegen, was Kunst für einen selber bedeutet. Ist Kunst das, was im Museum hängt? Das, was ich selber jeden Tag mache? Das, was nur die großen Namen produzieren? Oder ein Konstrukt unserer gesellschaftlichen Vorstellungen? Oder… individuelle Antworten oder auch nur das Nachdenken darüber sind wichtig, weil sie zeigen, dass man sich mit dem eigenen Tun und den eigenen Arbeiten auseinandersetzt.

Und das ist meine eigene, ganz persönliche Antwort: Machen wir uns doch frei von diesen albernen Konventionen und Eingrenzungen. Wenn wir selber uns als Künstler empfinden – wieso nicht? Natürlich werden wir aller Wahrscheinlichkeit nach von Kunstkritikern und -kennern niemals als solche wahrgenommen werden. Aber wen juckt es schon? Solange wir Bilder schaffen, die nicht bloße Abbilder der Realität sind, sondern eine Auseinandersetzung mit unserer Welt, solange wir bemüht sind, Sinn in unsere Fotografien hineinzubringen und versuchen, diesen zu vermitteln, so lange wir nicht einfach nur knipsen, sondern lernen, an uns arbeiten, um unsere Auseinandersetzung mit unserer Welt  - den Sinn – noch präziser zu vermitteln und uns uns von Kunstkorinthenzählern nicht eingrenzen lassen – so lange machen wir Kunst. Solange wir bestrebt sind, immer weiter zu machen und nie stehen zu bleiben, so lange wir staunen und uns freuen können und nicht in erstarrten Ritualen hängen bleiben, so lange wir uns die zu engen Schuhe der Vor-Urteile nicht anziehen, dürfen wir uns als Künstler bezeichnen.

Und wenn andere darüber schmunzeln, über unsere Verwegenheit, dann sagen wir: Na und?! Wir machen. Wir urteilen nicht bloß. Der Kunstbegriff von einst ist überholt und so lange wir keinen neuen haben, dürfen wir uns Künstler nennen – wenn wir wollen. Oder auch nicht, wenn wir nicht wollen. Denn: ist das wirklich wichtig? Ist es nicht wichtiger, dass wir die Fotografie lieben und sie mit Leidenschaft betreiben?

Oder wie seht ihr das?

Jeder Mensch ist ein Künstler

Lass Dich fallen,
lerne Schlangen zu beobachten,
pflanze unmögliche Gärten,
lade jemand Gefährlichen zum Tee ein,
mache kleine Zeichen, die ‚Ja’ sagen und verteile sie überall
in Deinem Haus.
Werde ein Freund von Freiheit und Unsicherheit,
freue Dich auf Träume.
Weine bei Kinofilmen,
schaukle so hoch Du kannst
mit einer Schaukel bei Mondlicht.
Pflege verschiedene Stimmungen,
verweigere ‚verantwortliche’ zu sein,
tu es aus Liebe.
Glaube an Zauberei, lache eine Menge, bade im Mondlicht.
Träume wilde, phantasievolle Träume.
Zeichne auf die Wände, lies jeden Tag.
Stell Dir vor, Du wärst verzaubert,
kichere mit Kindern.
Höre alten Leuten zu, freue Dich, tauche ein, sei frei.
Preise Dich selbst, lass die Angst fallen, spiele mit allem.
Unterhalte das Kind in Dir, Du bist unschuldig,
baue eine Burg aus Decken,
werde nass,
umarme Bäume,
schreibe Liebesbriefe.
(Joseph Beuys)

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3 Kommentare

  1. avatar
    Nora, am 5.3.2013 um 12:23 Uhr

    Also wenn ich von Kunst spreche, denke ich an eine Einzigartigkeit, die unbedingt gegeben sein muss, sonst ist es für mich keine Kunst. Also ein Beispiel: wenn jemand einen Pullover nach einer Anleitung strickt, ist das keine Kunst. Anders wäre es, wenn derjenige etwas erfindet, was vorher so noch nicht dagewesen ist. Unter diesem Aspekt ist es natürlich auch für Fotografen schwer, Künstler zu sein. Denn wem gelingt es schon, etwas fotografisch festzuhalten, was es so noch nicht gab? Aber ich denke man sollte es so frei interpretieren, dass die Entwicklung eines eigenen Stils in der Fotografie oder sonstwo einen zum Künstler macht. Das würde für mich am ehesten beschreiben was Kunst ist. Das ist nur meine bescheidene Meinung. ;-)

    Grüße Nora

    Antworten
    • avatar
      Susan, am 7.3.2013 um 10:52 Uhr

      Hallo Nora,
      Einzigartigkeit wäre ein schönes Kriterium, doch ich denke, wenn jeder versuchen würde, etwas vollkommen Einzigartiges zu schaffe, würde man verrückt werden ;-)
      Und ja, daran habe ich noch nicht gedacht: Kunst als Versuch, seiner Kreativität eine vollkommen eigene Handschrift zu geben. Das gefällt mir als Kriterium für Kunst sehr gut. Danke für den Gedankenanstoß.
      Viele Grüße
      Susan

      Antworten
  2. avatar
    Kirsten Müller, am 10.3.2013 um 18:22 Uhr

    Danke Susan für diesen interessanten Artikel. Ich habe mich bis jetzt noch nicht gefragt, ob ich Kunst mache, sondern einfach fotografiert, weil ich mich dabei unendlich frei fühle. Ich muß keine Rücksicht auf irgendjemand oder irgendetwas nehmen und gefallen muß es auch keinem. Nicht immer interessiert mich das Bild, welches dabei entsteht. Viel wichtiger für mich ist der Prozess des Fotografierens. Mich jetzt als “Gartenzwergkünstler” zu bezeichnen, gefällt mir aber, da ich an sich keine Gartenzwerge mag. Ich werde den Begriff lustvoll in meinen Wortschatz aufnehmen.
    Viele Grüße
    Kirsten

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